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Publizistin und Psycho-Therapeutin
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„Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener, Flüchtlinge, Aussiedler und Verstoßener“

Astrid v. Friesen

(Gießen 2000, Psychosozial-Verlag)

Die „2. Generations-Problematik“ ist ein Begriff aus der Holocaustforschung und hat die Familientherapie stark beeinflußt. Besonders Analytiker haben in vielen Fallbeispielen das Leid derjenigen beschrieben, die nach 1945 z.B. in Israel oder Amerika geboren wurden, deren Eltern ihnen jedoch in den meisten Fällen nie etwas von ihren Erlebnissen während des Faschismus erzählten, die aber dennoch psychisch schwer erkrankten und Hilfe brauchten. Geschwiegen hatten ihre Eltern, weil es erstens keine Sprache gibt, die das erlittene Grauen in Worte fassen könnte und zweitens, um ihre Kinder zu schonen. Anders als die vielen deutschen Täter und Mitläufer, die schwiegen, um sich selbst zu schonen (Rosenthal 1997).

Doch der Begriff läßt sich auch auf andere Zustände anwenden, was hiermit im deutschen Bereich erstmalig geschieht. Was passierte in den Seelen der Kinder von 15 Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener, deren Eltern in der Mehrzahl an einem traumabedingten Streßsymptom litten, welches verdrängt wurde und nun, oftmals im hohen Alter, bedingt durch das Schwächerwerden der Abwehrkräfte, erneut aufbricht? (Was eine psychologische Fortbildung gerade der Altenpflegekräfte dringend notwendig macht!)

Die 2. Generation waren Kinder von Nazis oder Mitläufern, von Tätern oder Opfern, von Kriegsgefangenen, von Vergewaltigten oder psychiatrisch Hospitalisierten, von Widerstandskämpfern, Hungernden, Zerschossenen, von tötenden oder selbst getöteten Soldaten. Viele waren Waisen, Vaterlose, Kinder aus Notehen und Fehltritten, Ausgebombte, Umgesiedelte, Verwirrte und Geschockte. Was erfuhren sie von ihren Eltern über die - natürlicherweise idealisierten - „guten alten Zeiten“, was aus verschämten Andeutungen und Halbwahrheiten, was von den verleugneten Verstrickungen im Faschismus?

Was bewirkte die „überlastete Omnipotenz“ (Schmidbauer 1998) der alleinerziehenden Mütter, was die verstört und kaputt heimkehrenden Väter? Männer, die freiwillig in den Krieg zogen, um ideologisch überzeugt und in Siegerpose „Lebensraum für das deutsche Reich“ zu erobern oder die als 18jährige Jungen unfreiwillig an die Front geworfen wurden. Und die nach dem Krieg, in welchem sie ihren Kopf „für alle“ hinhielten, keineswegs als Helden willkommen geheißen wurden, sondern verschämt und gedemütigt in zerrissenen Zivilkleidern nach Hause schlichen. Die sich nun verzweifelt ob ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Niederlage oftmals in Sarkasmen flüchteten, die nicht mehr mitschwingen konnten bei ganz normalen Gefühlen, weil sie zu Entsetzliches in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern hatten fühlen müssen. Was oftmals zu eine emotionalen Ertaubung nach sich zog. Und das über Jahre, besonders auch in den prägenden Jahren als junge Erwachsene, in denen sich nicht Familiensinn und Zärtlichkeit entfalten durften, sondern brachiale Gewalt, Tötungsfähigkeiten und der elende Kampf gegen monatelange Kälte von minus 30 Grad, von Hitze und Durst in Afrika und von Hunger hinter der Front. Immer in der Angst und der quälenden Ungewissheit, wenn monatelang keine Post funktionierte, wie es der Familie zu Hause ergeht, ob die Frauen treu bleiben und ob die Bomben sie und die Kinder verletzt oder sogar getötet haben.

Was folgte aus der faschistischen Erziehung der Erwachsenengeneration, die 1945 ja nicht einfach aus dem Kopf verbannt werden konnte? Kinderkriegen wurde im Faschismus als eine „Schlacht“ im Privaten bezeichnet und die Erziehung war auf Heldenzucht, Opfer- und Todesbereitschaft angelegt. Kinder seien Bestien, deren Wille durch Zucht, Härte und Strenge gebrochen werden müsse... (Chamberlain 1997).

Als Beispiel das Interview mit einer Tochter von Sudetendeutschen, die im Hass und Revanchismus ihrer Eltern stecken bleibt. Voller Misstrauen und Ängstlichkeit gegenüber anderen Menschen, die anders denken könnten, führt sie ein isoliertes Leben, welches bereits ihre heranwachsenden Söhne mit einbezieht. Immer in der freudlosen Fragehaltung: Freund oder Feind? Doch Freunde können in ihrem Fall nur andere Sudetendeutsche sein, weil sie glaubt, dass ihr Leid einerseits nicht verstanden werden kann und sie es andererseits als so einmalig einstuft, dass das Leid und Leben anderer Menschen sie weder interessieren noch erreichen, wodurch ihr Inneres leer und hohl bleibt. Auch sind bei ihr die Folgen der faschistischen Erziehung spürbar, waren doch ihre Mutter und Großmutter fanatische Anhängerinnen einer faschistischen Pädagogik, deren Merkmal eine tiefe Bindungslosigkeit ist. Diese These stammt von Sigrid Chamberlain (1997): Nur bindungslose Menschen, die eine tief gestörte Beziehung zu den eigenen Eltern haben, seien in der Lage, andere mit kaltem Hass zu vernichten, denn wer als Kleinkind sich nicht wirklich an einen Menschen binden durfte, muss - um emotional zu überleben - menschliche Gefühle abspalten und kann später deswegen weder Mitleid noch Einfühlung in andere entwickeln

Was nahmen die Kinder atmosphärisch auf an Schuld, Scham, Verzweiflung, Trauer, Sehnsucht, Wurzellosigkeit, was von den Gefühlen einer psychischen Enteignung? Wie kamen sie zurecht mit ihrer gespaltenen Kindheit: Einerseits den idealisierten, sehnsuchtsvollen Erzählungen von früher, so wie Eltern auch in unproblematischen Konstellationen von früher schwärmen. Andererseits den harten, entbehrungsreichen Situationen in Notunterkünften, in Abhängigkeit von West-Verwandten oder Fremden, wie mit der deutlichen und fast jahrzehntelangen Ablehnung als Flüchtlinge mit anderer Religion, mit seltsamen Dialekten, in bitterer Armut? Flüchtlinge, die nicht willkommen waren, die als „Zigeuner“ diskriminiert, „Fremde“ und „zusätzliche Esser“ keineswegs mit offenen Armen aufgenommen wurden. Wie hätte es auch emotional funktionieren sollen, mussten doch Gemeinden z.B. in Schleswig-Holstein ein Mehr als 50 Prozent der eigenen Einwohnerzahl verkraften! Was erlitten sie damals, so wie es heute viele Flüchtlinge aus der ganzen Welt bei uns erleiden?

Die Vaterentbehrung, millionenfach nach dem 1. sowie nach dem 2. Weltkrieg erlitten, führte 30 Jahre später zum Beginn der heutigen Scheidungslawine, wie der Psychoanalytiker Horst Petri schreibt: „Wenn ich selbst vaterlos groß geworden bin und meinen damaligen Schmerz verdrängt habe, um zu überleben, kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, was es heißt, das eigene Kind zu verlassen...“. Weiter heißt es bei ihm, dass es „eine vaterlose Nachkriegsgesellschaft war, die der traditionellen Familie ideologisch und faktisch den 'Krieg erklärte' und damit wiederum eine Kindergeneration gezeugt hat, von der große Teile ihre Väter durch den Krieg der Geschlechter verloren haben. Diese vaterverlassenen Kinder... stellen die heutige Elterngeneration“ dar. (1999).

Eine der möglichen Formen männlicher Abwehr gegen die tiefe Kindersehnsucht nach einem guten Vater, die oftmals ein Leben lang anhält, ist das Verlassen der Familie, die Abspaltung von weichen Gefühlen und vom Wunsch nach Nähe. Männer haben nicht gelernt liebevoll sich selbst anzunehmen und erst dann ist der Mensch in der Lage, sich liebevoll in Andere einzufühlen. Väter werden aus den Familien ausgestoßen, „ausgesondert“, zu Samenspendern und Alimentezahlern degradiert, sie sollen bis an den Rand ihrer (finanziellen) Existenz in diesem „Rosenkrieg“ „bluten“, wie die kriegerischen Metapher der Frauen noch heute so treffend heißen.

Die weibliche Abwehr dieses tiefen Kinderschmerzes führte dagegen in Teilen der (Westdeutschen) Frauenbewegung sowie bei vielen Richtern und Sozialarbeitern zu einer Ideologie, die den Vaterverlust umkehrte: Vaterlosigkeit wurde ab den 70er Jahren und wird teilweise auch heute als Ideal propagiert und das männliche Prinzip wird massiv entwertet. Das Matriarchat hat im zwischenmenschlichen Bereich gesiegt: Kinder erleben überbordende, oftmals distanzlose Weiblichkeit bei ihren Müttern, im Kindergarten und in den Schulen, bei weiblichen Therapeuten und Ärzten. Doch wie soll sich bitteschön ein Junge zurechtfinden, da er sich nicht mit Frauen identifizieren kann?

Der 1.Weltkrieg kostete 1,8 Millionen und der 2. Weltkrieg 5,25 Millionen deutscher Soldaten im „besten Mannesalter“ das Leben, die jeweils Millionen vaterverlassene Kinder hinterließen.

Heute wird von Frauen, die zu 80 Prozent die Scheidungen einreichen, dieser Zustand der vaterlosen Kindern zu einem grossen Teil herbeigeführt. Im Moment leben 2,2 Millionen Kinder bei uns ohne ihre Väter. Die Folgen davon, dass gerade die Jungen nicht wissen, wo es männlich weitergeht und sich deswegen mit negativen Männerbildern der Medien identifizieren, ist bereits heute deutlich und wird zu weiteren massiven und sich steigernden Aggressionen führen. Und, nicht zu vergessen, auch alle aggressiven Jungen und Männer hatten Mütter! Doch gerade die Zivilisierung, die Kanalisierung von Aggressionen im Erziehungsprozess ist der spezielle Männerjob. Wollen oder dürfen Männer diese ureigene Aufgabe nicht übernehmen, entsteht oftmals nicht zu zügelnde Wut gerade bei den Jungen und innere Leere bei den Mädchen. - Diese Folgen der Kriege, des Faschismus und des männerverachtenden Feminismus beschreibe ich in meinem neusten Buch „Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer“

Ein anderes, vielfach erlittenes Drama ist die Depression. Familientherapeuten postulieren, daß das zentrale Moment bei depressiven Familien eine „Traditionsproblematik“ (Massing 1994) sei, daß nämlich in der Eltern- oder Großelterngeneration ein Besitz- oder Prestigeverlust auftrat, der die Familien erstarren und ihren Blick ausschließlich nach rückwärts wenden ließ, so daß alles Neue und alle Lebendigkeit abgewehrt werden muß. Was bei der Enkel- oder Urenkelgeneration bis zu psychischen Erkrankungen und zu Suiziden führen kann. Exakt nach dem biblischen Motto, dass die Sünden der Väter bis ins „vierte Glied“ auf der Familie laste und erst durch „Sühne“, wir würden heute sagen „Aufarbeitung“, getilgt werden kann.

Und hier liegt das Verdienst von Bert Hellinger, dem umstrittenen Familientherapeuten. Er räumt in seinen Familienaufstellungen den Toten einen neuen und bewusst wahrgenommenen Platz ein, er hält die Patienten an, sie zu würdigen und ihnen Raum und Zeit in ihrem Inneren zu geben. Tote, die oftmals 50 Jahre verschwiegen wurden, weil ihr Tod gewaltsam oder mysteriös war, weil ihre Verstrickungen im Faschismus ungeklärt waren (s. der Roman von Uwe Timm: „Am Beispiel meines Bruders“, 2003) oder die nur in oberflächlichen Anekdoten weiterleben durften.

Hinzu kommt, daß kollektive Katastrophen kollektive Scham nach sich ziehen. Wird darüber jedoch nicht offen gesprochen, ist die Folge eine Individualisierung, d.h. der Einzelne fühlt sich aus unerklärlichen Gründen schuldig, isoliert, kann keine wirkliche Lebensfreude empfinden. - Besonders bei Flüchtlingen und deren Kinder, wie überall auf der Welt, gibt es vier Bewältigungsmechanismen:

  1. Der Trotz: Man kultiviert trotzig das Anderssein, die eigene Religion, die eigene Sprache, lebt in selbstgewählten „Ghettos“ und isoliert sich damit von der Gesellschaft (nach dem Krieg der enge und hilfreiche, aber auch isolierende Zusammenhalt von Landsmannschaften und Menschen mit ähnlichem Schicksal, heute bei den Türken zu beobachten).
  2. Die Resignation mit Krankheiten, Depressionen und Süchten. Aufgrund des Gefühls wurzel- und heimatlos zu sein, klammern sich diese Menschen verzweifelt an übriggebliebene Familienangehörige und belasten die Umgebung mit nicht enden wollenden Klagen und (selbst-)zerstörerischem Verhalten.
  3. Revanchismus: Die Flucht in die Phantasie von Rückkehr, Wiedergutmachung ihrer Schmach und der Rache an den Vertreibern. Nicht selten kommt es zu unversöhnlichem Haß - bis in die nachfolgenden Generationen hinein.
  4. Überanpassung durch Leistung: Um die innere Scham zu kompensieren, entwickeln diese Flüchtlinge enorme Anstrengungen, zeigen hervorragende Leistungen und versuchen sich durch Prestige und soziale Positionen zu rehabilitieren. Nicht selten gerät dieses Bemühen zu einem Zwang, der die innere Leere nur zeitweilig zu verdecken vermag. Das neue, eigene Häuschen wird dabei zum Inbegriff einer neuen Heimat, zu einem Kultobjekt und Symbol tiefster Bedeutung (Chu 1994).

In den nachfolgenden Generationen übernehmen die Kinder einerseits die tiefe Verunsicherung, das unverarbeitete Leid und die Scham der Eltern. Andererseits haben sie nicht selten noch selbst unter dem Sparzwang, der Not und der Verspottung wegen ihrer Ärmlichkeit und ihrer unterschiedlichen Dialekte gelitten.

Bei einem der sieben von mir Interviewten ist die Situation noch zugespitzter: Ein heiß geliebter Bruder der Mutter wurde im Faschismus durch Euthanasie ermordet. Eine seiner Schwestern, eine überzeugte Nationalsozialistin, schweigt ihr Leben lang dazu, aber trägt dieses Motto von guten, wertvollen und bösen, „auszusondernden“ Geschwistern in die nächsten Generationen hinein. In einem erschreckenden Ausmaß wiederholt sich in drei Generationen dieses Thema von Verrat, Ausstoßung und tiefster Ungerechtigkeit.

Ein anderer Interviewter entstammt einer baltischen Familie, die dreifachen Heimatverlust erleiden musste: 1918 wegen der Flucht aus dem Baltikum, 1945 aus Brandenburg und danach durch Ruin bzw. Scheidung von Besitzungen in Westdeutschland. So wie auch sein Vater hatte der Befragte nämlich versucht, sich durch Einheirat auf einen landwirtschaftlichen Besitz emotional zu stabilisieren, was jedoch in beiden Generationen scheiterte. Er selbst sieht, neben seiner Lehre als Professor für Ethik, seine Lebensaufgabe darin, eine überzeugende Position als Mann zu finden und zu formulieren, denn positive Männlichkeit sei durch die zerstörerischen Weltkriege verloren gegangen - zugunsten einer überbordenden, dominierenden Weiblichkeit, was auch keine befriedigende Lösung gesellschaftlicher Probleme sei. Für ihn sind die wahren Helden die jungen Soldaten der Alliierten, besonders die jungen Amerikaner, die mit 18 Jahren in den Krieg zogen, um Europa vom Hitlerfaschismus zu befreien und deren wir heute so wenig gedenken!

Hinzu kam, dass sich seine Großmutter von einer begeisterten Kaisergetreuen zu einer fanatischen Nazianhängerin entwickelte, die bereit war, die eigene Tochter aus ideologischen Gründen zu opfern, da diese eine Liebesbeziehung zu einem polnischen Kriegsgefangenen hatte. Und die auch nach dem Krieg sich keiner Schuld bewusst war. Diese mehrfachen politischen „Erweckungen“ wiederholten sich in der 2. Generation auf religiösem Gebiet. Mein Interviewpartner fühlte sich zu einer Sekte hingezogen, lebte zeitweilige einen radikalem Bruch mit dem Rest und dem Wertekanon der übrigen Familie! Ehe er Pastor einer protestantischen Landeskirche wurde.

Die Facetten der hohen Leistungsanforderungen kennen viele Nachkriegskinder. Immer unter dem Motto: Was Du lernst, kann Dir niemand mehr wegnehmen! Einige der Interviewten sagen jedoch ganz dezidiert, daß ein Aufwachsen auf dem Land im Osten bestimmt seinen Reiz gehabt hätte, doch ihr Leben z.B. als Wissenschaftler in Amerika offener und weltbewußter verlaufen sei, sie durch die Wirren, aber auch durch die Auflösung von Grenzen und starren Familientraditionen in der Nachkriegssituation mehr Chancen gehabt hätten. Oder, wie eine Reisejournalistin konstatiert: Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, hätte ich den Sohn vom Nachbarn geheiratet, fünf Kinder bekommen, und das wäre es gewesen!

Noch ein anderes Tabu ist zu benennen: Weder im Westen noch im Osten Deutschlands wurde in den vergangenen 50 Jahren in der breiten Öffentlichkeit über die Situation der ostdeutschen Adligen berichtet, die eine spezielle Verfolgung erfuhren. Viele Informationen wurden in den Medien erst nach Öffnung der ehemals sowjetischen Staatsarchive zur Kenntnis genommen, obwohl man natürlich die überlebenden bereits in den Jahrzehnten zuvor hätte befragen können! Aber auch bei dieser Gruppe, wie bei anderen, stummen Minderheiten z.B. den Roma und Sinti, den Homosexuellen oder den Sterilisierten, war die Verdrängung und Scham zu groß. -Es ging um die spezielle Verfolgung von Großgrundbesitzern und Trägern alter Namen - unter dem selben Paragraphen wie 1918 in Rußland - was zu (planmäßigen) Erschießungen, Folterungen, Inhaftierungen und Verschleppungen nach Sibirien und in die ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen sowie in zehn Sonderlager der Sowjets führte. Fast alle meine Verwandten standen auf diesen Liquidierungslisten und sollten somit erschossen werden.

In den Lagern fanden bis 1950 von den rund 140.000 bis 176.000 Inhaftierten ungefähr 40.000 den Tod. Inhaftiert waren Naziparteimitglieder, Jugendliche, Sozialdemokraten und vermeintliche Gegner der Sowjetunion, aber auch Kinder, wie z.B. Vettern und Cousinen, fünf Kinder zwischen 12 und einem Jahr, die aufgrund ihres adligen Namens in das Lager Rügen abtransportiert wurden und wo ihr Großvater und mein Urgroßvater - wie viele der alten Verwandten - im Dezember 1945 vor ihren Augen verhungerte.

Die Liquidierung der russischen Elite 1918, die Ermordung von Hunderten von polnischen Offizieren in Katyn durch sowjetische Soldaten sowie die Verfolgung der Adligen 1945 hatte zum Ziel diese sozialen Minderheiten, die keineswegs alle in Machtpositionen waren, zu vernichten.

In der DDR wurde dieses Thema fortgeschrieben. Schon in den Grundschullesebüchern gab es eine hassvolle Agitation gegen die sogenannten Junker und Großbauern. Diese Texte, so früh im Leben gelesen, sind völlig „bewußtseinsfern“, wie ein Leipziger Psychiater aus der ehemaligen DDR sagt. Das heißt, sie sind so verinnerlicht, daß man über sie quasi nicht redet, sie nicht in Frage stellt: „Wie mit der Muttermilch“ aufgesogen, werden sie auch heute nicht zur Disposition gestellt. So wie alle rassistischen und sexistischen Vorurteile überall auf der Welt! Diese Agitation gipfelte in dem Plakat: „Junkerland in Bauernhand. Rottet das Unkraut aus“. Eine Forderung, mit den Begriffen der Nazis, eine Minderheit (wozu wohl?) freizugeben. - Die offiziellen Diskriminierungen setzten sich immerhin in Form von Schul- und Studiumsverboten fort. Und diese Tabus bzw. die Diskriminierungen sind bis heute in den neuen Bundesländern noch virulent. Zumal die ehemaligen DDR-Bürger keinerlei Veranlassung hatten, sich z.B. mit den „Junkern“ auseinander zu setzen, da die DDR nahezu frei war von Adligen.

Deutlich wird diese Verdrängung bis in die dritte oder vierte Generation an folgendem Umstand: Nach meiner Einschätzung geht die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger davon aus, dass die ehemaligen Fabrik- und Gutsbesitzer, die sich in Ostdeutschland erneut angesiedelt haben, ihren Besitz zurück „bekommen“, im Sinne von „geschenkt“ bekommen hätten. Sie nehmen weder die (zugegebenermaßen spärlichen) Informationen der Presse wahr, dass die zwischen 1945 und 1949 Enteigneten ihren ehemaligen Besitz für viel Geld zurück kaufen mussten, so sie es durften und nicht von den Gemeindeverwaltungen auch daran gehindert wurden. Selbst wenn man es einzelnen Menschen wiederholt sagt, dringt es nicht in das Bewusstsein, so dass die falsche Annahme nicht gelöscht werden kann und ständig reproduziert wird, selbst 16 Jahre nach der sogenannten Wende. Ein hoher Grad an Verleugnung!

„Wenn Eltern glauben, sich nicht zumuten zu dürfen, in ihrer Vergangenheit nach Schuld zu forschen und dies anzusprechen, dann entsteht ein Stau und nicht selten Haß. Wie konnte man selbst verdrängen und gleichzeitig die Gebote der Redlichkeit hochhalten und die Kinder etwa lehren 'Du sollst nicht lügen'? Wenn Fragen nicht beantwortet werden, werden aus ihnen Anklagen. Und Anklagen führen selten zur Aufklärung: Durch den harschen Tonfall ihrer Kinder verbittert, gehen die Eltern selbst zur Anklage über und schaffen sich so erneut ein Alibi für ihr jahrzehntelanges Beschweigen“, so schrieb Prof. Gesine Schwan (1998) über die 68er Generation, in der die erbitterten „Aufrechnungen“ mit den Eltern stattfanden. - Auch davon berichtet eine Interviewte, die erst nach dem Tod beider Eltern von einer uralten Tante erfährt, warum die Eltern lebenslang schwiegen: Nicht weil sie verstrickt waren in den Faschismus, sondern sie waren im Gegenteil „widerständisch“, doch schämten sich, nicht genügend getan zu haben...

Als ich 1997 von Hamburg nach Sachsen zog wurde mir deutlich, dass die ehemaligen DDR-Bürger öffentlich gar nicht über Flucht, Vertreibung, Umsiedlung usw. sprechen durften, denn das wäre ja jeweils Kritik an den „Sozialistischen Brüderstaaten“ gewesen. Also gab es nicht nur das psychische Tabu wie in Westdeutschland, sondern auch ein politisches. Daraufhin gründete ich mit einem Dresdner Historiker Prof. Wendelin Szalai, einem Ungarndeutschen, der 1948 „ausgesiedelt“ und in der Lausitz zu Kinderzeiten als „Zigeuner“ verspottet wurde, eine Erzählwerkstatt. Dort berichteten Menschen aus der Erwachsenengeneration des Krieges sowie Kriegskinder (ca. ab 1930 geboren) und Kinder der 2. Generation von ihren Schicksalen. Einige erzählten ihre Geschichten erstmalig, hatten sie noch nicht einmal ihren eigenen Kindern mitgeteilt. Wir fassten diese 17 Beiträge der „oral history“ in einem Band zusammen: „Heimat verlieren - Heimat finden“, um andere zu ermutigen, ebenfalls Erzählwerkstätte zu gründen und besonders den jetzt alten und dem Tode nahen Menschen noch einmal, vielleicht ein letzte und einziges Mal die Gelegenheit zu geben, dass ihre entsetzlichen Erlebnisse gewürdigt und von wohlmeinenden Zuhörern bezeugt werden!

Natürlich werden noch andere Themen aufgegriffen, die in vielerlei Hinsicht symptomatisch für die Kinder der 2. Generation sind: z.B. die Parentifizierung. Wenn z.B. ein 12jähriger Sohn in den Kriegs- oder Nachkriegswirren für seine Mutter und die jüngeren Geschwister sorgt als sei er der Vater, verantwortungsvoll, unterstützend und helfend, kann er natürlich ein Stück seiner Kindheit nicht leben und muss quasi die Rolle als Ehemann übernehmen. Solche und andere Rollenunklarheiten gab es viele in den zerstörten Familien, es gab sehr instabile Identitäten und viele Variationen von verdrängter Schuld, von Scham und Leid: „bis ins vierte Glied“.

So ist dieses Buch als Diskussionsbeitrag für drei Generationen in Ost- und Westdeutschland gedacht, denn hüben wie drüben existieren einerseits abenteuerliche Vorstellungen über dieses Kapitel deutscher Geschichte andererseits werden die Gefühle von Verlust und Trauer selbst in der 2. Generation bis heute abgespalten und verdrängt. Abzulesen an unserem Umgang mit heutigen Flüchtlingen. Denn nach dem, was 15 Millionen Deutsche selbst bitter erleiden mussten, müssten wir eigentlich eine Nation sein, die Andere und besonders Flüchtlinge mit mehr Wärme und Verständnis bei uns aufnehmen!

Literaturliste (im Text zitierte Bücher):

  • Chamberlain, S.: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher. Gießen 1997
  • Chu,V. und de las Heras, B.: Scham und Leidenschaft. Zürich 1994
  • Friesen, Astrid von: „Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener“. Psychosozial-Verlag 2000
  • Friesen, Astrid von und Wendelin Szalai (Hersg.): „Heimat verlieren - Heimat finden. Geschichten von Krieg, Flucht und Vertreibung“. Goldenbogen-Verlag Dresden 2002
  • Heinl, Peter: Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg... Seelische Wunden aus der Kriegskindheit. München 1994
  • Massing, A. u. a.: Die Mehrgenerationen-Familientherapie. Göttingen 1994
  • Petri, Horst: Das Drama der Vaterentbehrung. Freiburg 1999
  • Rosenthal, G. (Hg.): Der Holocaust im Leben von drei Generationen. Familien von Überlebenden der Shoah und von Nazi-Tätern. Gießen 1997
  • Schicksalsbuch des Sächsisch-Thüringischen Adels 1945. Hg. vom Verband „Der Sächsische Adel e.V.“. Limburg 1994
  • Schmidbauer, Wolfgang: „Ich wußte nie, was mit Vater ist. Das Trauma des Krieges“. Hamburg 1998
  • Schwan, Gesine: Der hohe Preis der Schuld-Verdrängung. In: MUT 2/1998
  • Timm, Uwe: Am Beispiel meines Bruders, 2003

Vita Astrid v. Friesen wurde 1953 in Westdeutschland als Tochter von Flüchtlingen aus zwei über 700 Jahre alten sächsischen Familien geboren. Sie studierte in Hamburg, wurde Diplom-Pädagogin und absolvierte das Lehramtsstudium, machte eine Ausbildung zur Journalistin und Therapeutin. Heute arbeitet sie als Journalistin (u.a. Süddeutsche Zeitung) und ist Autorin zahlreicher Bücher. Seit 1997 praktiziert sie als Psychotherapeutin in Freiberg und Dresden, unterrichtet an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg (welche ihre Vorfahren gründeten) und macht Fortbildungen für Lehrer.



Diese Seite wurde am 06.03.2008 aktualisiert.