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Publizistin und Psycho-Therapeutin
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Vortrag auf dem Symposium am 27./28. 6. 2003 zur Reform der sächsischen Lehrpläne in der Lehrerfortbildungsakademie in Meißen

Kinder zwischen Elternhaus und Grundschule, zwischen Forderungen, Pflichten und Bedürfnissen

Über die vielen gesunden, leistungsstarken, fröhlichen und neugierig spielenden und lernenden Kinder brauchen wir nicht zu reden. Denen geht es gut, und ihre Eltern und Lehrer sind sich hoffentlich der Tatsache bewußt, daß dies 1. ein Geschenk des Himmels und 2. das stolze Ergebnis ihrer eigenen, intensiven Bemühungen ist.

Reden müssen wir immer wieder über die kranken, die mediengeschädigten und konsumverwahrlosten Kinder.

Die neuesten Ergebnisse des Erziehungswissenschaftlers Klaus Hurrelmann machen - mal wieder - die Situation drastisch deutlich: 20 % der Schulkinder sind krank, sie sind übergewichtig, leiden an Asthma und Neurodermitis, an Bewegungsstörungen, Rückenschmerzen, Hyperaktivität, Aggressivität und Depressionen. Jedes fünfte Kind! All diese Zahlen weisen keineswegs auf das richtige Leben hin, sondern auf eines welches zu wenig von dem enthält was Kinder, die zudem höchst konservative Wesen sind, tatsächlich brauchen:

Ganz schlicht: Sie brauchen eine gesunde Ernährung und kein Fast food, genügend Schlaf und keineswegs einen Fernseher im eigenen Kinderzimmer (35 %), ausreichend Bewegung und keineswegs zappeln und zappen. Sie brauchen Sinneserfahrungen aus erster Hand und nicht das Leben aus der Konserve. Eine Hamburger Lehrerin brachte es auf den Punkt: Zu Beginn ihrer Berufstätigkeit vor 25 Jahren hätte sie immer zwei Sorgenkinder pro Klasse gehabt, heute hätte sie nur zwei, die ihr keine Sorgen bereiteten... Und das, nicht zu vergessen, ist das Ergebnis des Verhaltens von Erwachsenen!

Die körperlichen Schäden sind das eine Ende, das sichtbare. Die seelischen Veränderungen durch den Vatermangel, verwirrende Familienkonstellationen und zu viel Medienkonsum sind ebenfalls gravierend. Beschrieben von dem Kindertherapeuten Wolfgang Bergmann in seinem Buch „Abschied vom Gewissen. Die Seele in der digitalen Welt“ (2000).

„Computerwelten sind auf eigentümliche Weise der Zeit enthoben und von den Bindungen und Beengungen des Raumes befreit. Sie malen phantastische Welten auf den Monitor, dringen in die Tiefen des Mikrokosmos, befreien sich mit einem Schlag aus ihnen und fliegen hoch hinaus, erzeugen magische Bildbewegungen von jener Grenzenlosigkeit, die wir im Universum vermuten.“ Kinder erfahren am Computer folgendes:

  • Grenzenlosigkeit,
  • Zeitlosigkeit,
  • Raumlosigkeit,
  • unermeßliche, auch unmenschliche Geschwindigkeit,
  • Sprunghaftigkeit und
  • Unvorhersehbarkeit.

Wolfgang Bergmann beschreibt diese Momente als Merkmale des narzißtischen Charakters. Zunächst gehören diese Gefühle in die normale sehr frühe Mutter-Kind-Symbiose, diese Zeit der ozeanischen Gefühle ohne Raum- und Zeitbegrenzungen, vor der Entstehung eines abgegrenzten ICHS. Also solange sich das Kind noch eins mit seiner Mutter fühlt.

Doch diese Welt, in welchem das ICH mit dem DU noch verschmolzen ist, muß naturgemäß verlassen werden, um immer stärker in die Realität, in das väterliche Prinzip einzutauchen. Das tut auch jedes Kind. Selbst dann, wenn es narzißtisch irgendwo, mit einem mehr oder weniger großen Anteil seiner Person und seiner Psyche, in diesem Verhalten hängengeblieben ist..

Dieses Vollkommenheitsverlangen, diese tiefste Sehnsucht schlummert in uns allen weiter und wird befriedigt im Rausch oder in der Sexualität, im Natur- oder Musikerleben. Doch Kinder erfahren diese Omnipotenz - und Grandiositätsmomente nunmehr auch in der Medienwelt, täglich, stündlich.

Immer mehr bleiben darin haften!

Als Verstärkung wirkt die Abwesenheit des väterlichen Prinzips: Wenn Väter zu schwach oder aus den Familien ausgestoßen werden. Die Kinder bleiben dann in einer infantil-grandiosen Vollkommenheitsträumerei stecken, ohne Bodenhaftung und mit nach innen gekehrtem Blick. Und vielen Kindern können Sie ihren Medienkonsum ansehen: Dieser Tranceblick, der sich quasi nur unter Schmerzen, sprich Wut auf eine reale Situationen fixieren läßt!..........(Grandiosität bei Rechtsradikalen Jugendlichen...)

Es stellt sich ja zudem immer wieder die Frage: Wie sollen Sie, als Lehrerinnen und Lehrer, als Vertreter der Vernunft und des männlichen Prinzips mit diesen grandiosen Scheinwelten der Medien konkurrieren? Denn die Forderungen der Realität, Schularbeiten, Helfen im Haushalt, der Einsatz für die Gemeinschaft usw. „...behalten immer etwas dem Kind Äußerliches. Sie berühren den Kern des Psychischen nicht oder nur abgeschwächt. Sie bleiben fremd, eigentlich eine Zumutung. Die Stimme des Gewissens existiert, aber sie bleibt schwach. Diese Kinder lehnen sich nicht gegen sie und die Autoritäten auf. Sie weichen ihnen vielmehr aus, schieben sie beiseite und haben damit kaum Probleme“, so Wolfgang Bergmann.

Und wenn dann Anforderungen kommen, Tischdecken oder Schularbeiten machen, stillsitzen für 10 Minuten oder den anderen aussprechen lassen, entsteht viel archaische Wut.

Doch wird die Beherrschung dieser Wut nicht in dem zivilisatorischen Prozeß den wir Erziehung nennen gelernt, fallen diese Menschen in Streßsituationen immer wieder in diese Wut hinein. Aber das ist nicht nur der um sich schlagende Skinhead oder der rechtsradikale Schläger, sondern das sind auch Eltern im Kontakt zu ihren eigenen Kindern. Wenn also Kinder entweder durch Vernachlässigung oder Verwöhnung nicht ihre Wut zu beherrschen lernen, wenn sie kein normales, gesundes Maß an Frustrationstoleranz entwickeln, wird es brenzlig.

Und die erste Generation von vielen narzißtisch Verwundeten und Gestörten ist nun bereits Mutter oder Vater geworden!

Das Fatale ist, dass wir i.M. beide Formen der Nicht-Zivilisierung haben: die klassische Vernachlässigung greift um sich, ebenso aber auch neumodische Wohlstandsverwahrlosung.

So nach dem Motto: Süßes in den Mund, Kopfhörer auf die Ohren, die Flimmerkiste vor den Augen und das Kind ist ruhig gestellt, momentan beruhigt, doch weder innerlich getröstet noch emotional aufgefangen, d. h. seelisch nicht gesättigt. Das sind schlicht hungrige Kinder, sie verhungern durch mangelnden Kontakt. Deutlich wird es an den 38% die Sprachentwicklungsstörungen haben, d. h. mit denen wird noch nicht einmal ausreichend geredet!!! Und Sprechen bedeutet Mensch sein, bedeutet unsere Basis von Kontaktaufnahme, Bestätigung und Beheimatung für jeden Menschen.

Und immer wieder die Frage: Was macht emotionaler satter: einen Kochkurs im Fernsehen anzuschauen oder selbst einen Kuchen zu backen? Oder: Mit dem Vater im Auto zum Stadtpark zu fahren, um ein kleines Elektroboot ziemlich dämlich im Kreis kurven zu lassen, oder mit dem Vater selbst ein Boot zu bauen und eigenhändig zu rudern! Kinder brauchen „Vollwerkost für die Sinne“ (Eckhard Schiffer), um nicht in Schein- und dröhnende Pseudowelten abzudriften. Und fast alles was nicht zur „Vollwertkost“ gehört, ist ein Umweg zu den Seelen und zu sättigenden Zuständen. - (Aus diesem Gedanken der Suchtprävention wurde die Initiative der „Spielzeugfreien Kindergärten“ geboren...)

Es ist wirklich fatal, dass viele der jungen Erwachsene -zumindest die westdeutschen - bereits unter diesen narzißtischen Störungen leiden und „Wirklichkeitsflüchtlinge“ (Wüllenweber) sind, also kein Schlaflied kennen, nie einen Brei gekocht, niemals Babysitting gemacht haben, und dann plötzlich ein Baby bekommen. Neben diesen basalen Mängeln an erlebter und erlittener Lebenserfahrung, kommt oftmals noch der narzißtische Wunsch, das eigene Kind möge einen selbst mit seiner Liebe heilen, weil das Kind ja die letzte konstante Beziehung im Leben des Menschen geworden ist. Doch das ist nicht der Job von Kindern, die Eltern heil zu machen! Und ein Baby ist nicht immer süß, sondern schreit nachts, spuckt und verbreitet Chaos und wird immer autonomer, was narzisstische Eltern jedesmal als Kränkung auffassen.

Wenn dann die jungen Eltern, wegen dieser subjektiv empfundenen Kränkungen in ihre eigene, noch unzivilisierte Wut fallen, kann es gefährlich, zumindest höchst unpädagogisch werden. Nämlich dann, wenn das süße Wunschkind (und Wunschkind zu sein kann auch eine schwere Hypothek fürs Leben sein) nicht so will wie die Eltern, also Eigenständigkeit demonstriert, dann kommt es rasch zu unkontrollierbaren Situationen auf beiden Seiten, was dazu führt, daß 80% aller Kinder bereits einmal geschlagen und 1,3 Millionen körperlich mißhandelt wurden, wie der Deutsche Kinderschutzbund beklagt.

Ich habe gerade einen Artikel folgendermaßen betitelt: „Was ist bloß mit den Eltern los?“ Warum schaffen es so viele Eltern aus der Mittelschicht nicht, die Basis für ein gesundes Leben zu schaffen. Ganz schlicht: Dazu gehört ausreichend Schlaf und ein gutes Frühstückt! Fehlen alleine diese beiden Momente, sollten Sie als Lehrer eigentlich streiken! Denn die Lernforschung hat 100fach bewiesen, dass niemand ohne ausreichenden Schlaf gut lernen kann. Ein Leben ohne ausreichenden Schlaf und basale Ernährung, zumal nahezu umsonst zu haben, minimiert zudem die Lebensfreude, schwächt das Immunsystem und macht kaputt. Eine Erziehung zur Krankheit! Kommt noch der Bewegungsmangel hinzu, ist es eine nahezu bewußte Schädigung der Kinder. - Und die selben Eltern gehen selbst fleißig ins Fitnesstudio und machen ständig Diäten, aber bewegen ihre Kinder nicht!

Und Sie als Lehrer sind dann mit der mißlungenen oder schlimmer. Mit der nicht stattgefundenen Zivilisierung konfrontiert!

Was könnte das für Sie als Lehrer heißen:

Der erste Schritt zu jeder Verbesserung heißt folgendermaßen:

Hinsehen, aussprechen und klare Konsequenzen ziehen!

Ich höre oft, daß Kollegen sich nicht trauen, scheu sind, nicht sicher sind, ob ihre Schuldirektoren hinter ihnen stehen und deswegen lieber wegsehen oder nur im Lehrerzimmer motzen. Das macht aber krank und mürbe!

Kreativer wäre, sich einzumischen, zu mahnen und im Kollegium einen Katalog von Gegenmaßnahmen und von Bestrafungen zu erarbeiten. Treten Sie den Eltern auf die Füße, verlangen Sie Erziehungsarbeit. In den USA gibt es einen Strafkatalog bis hin zum Gefängnis, wenn Eltern z. B. ihre Kinder nicht zur Schule schicken! Nutzen Sie Ihre Autorität auch den Eltern gegenüber! - Und hier an der SALF wird Dr. Koerber ein Curriculum für Elternarbeit einrichten, wir arbeiten daran!

Auch gibt es einen weisen therapeutischen Spruch: jeder muß da abgeholt werden wo er steht. Wenn Eltern sich wie unmündige Bürger benehmen, dann müssen sie Vorschriften und Ermahungen bekommen, Direktorengespräche und Druck. Anders geht es nicht!

Ich habe mir gerade für eine ev. Mittelschule, die gegründet werden soll, Gedanken für ein Schulethos gemacht und es formuliert: Dazu gehören solche Regeln wie Gewaltlosigkeit und keine Entwürdigungen, Verantwortung für das Klassenzimmer, die Minderheiten, die Festivitäten usw. Und natürlich Verhaltensregeln, in jeder Klasse selbst erarbeitet: Ausreden lassen, einbeziehen, nicht mobben, Schiedssprüche akzeptieren, mit den Mediatoren zusammenarbeiten usw. - Dies als Verpflichtungen für alle Kinder.

Ich meine aber, dass auch die Lehrer, ebenso wie die Väter und Mütter getrennt und einzeln, einen Vertrag unterzeichnen sollen: Die Eltern sollten sich verpflichten, für ausreichend Schlaf, gesundes Frühstück und eine entspannte Hausaufgabensituation zu sorgen, zweimal im Jahr mindestens den Klassenlehrer aufzusuchen, an 4 Veranstaltungen der Schule teilzunehmen usw. Viele Kinder werden dankbar sein, ihre Eltern daran erinnern zu können.

Es wird natürlich wie im Verkehr sein: Die meisten halten sich an die Regeln, einige natürlich nicht, aber deswegen alle Geschwindigkeitsbegrenzungen aufzuheben, dafür würde niemand plädieren.

Und die Lehrer verpflichten sich, an psychologischen Fortbildungen teilzunehmen und im Jahr an mindestens 12 Supervisionssitzungen, eine Entspannungstechnik ihrer Wahl zu erlernen, um besser für sich selbst zu sorgen und um sie den Kindern weiterzugeben sowie an Mediatorenausbildungen teilzunehmen... Ohne all dies, weiß ich sowieso nicht wie man den schwierigen Schulalltag bestehen kann. Und die Frühverrentungsanträge belegen ja auch dieses Problem... also, solche Unterschriften würden dann in einem feierlichen Akt, damit die Symbolik auch noch zur Wirkung kommt, von allen zum Schuljahresbeginn unterschrieben!

Aussserdem ist die sehr positive Erfahrung von vielen Schulen, die ja oftmals schon Jahre mit dem Mediationsprogramm arbeiten: eine Null-Toleranz-Haltung einzunehmen in Bezug auf Vergehen gegen die Gemeinschaft, gegen Anständigkeit und Respekt. Sprich: Sofort zu reagieren und nicht weg zu schauen! Auch wenn es auf dem Schulhof mühsam ist: Bei jeder Rempelei einzuschreiten. Aber extrem wichtig wegen der Lerntheorie: Wenn Kinder im Beisein eines Erwachsenen etwas Blödes machen und der greift nicht ein, ist es wie eine Erlaubnis! Und sie lernen: Das ist o.k.!

Zu dem ganzen Dilemma der Kinder kommt die Strukturlosigkeit. Die hat wieder viel mit dem Konsum der konsumverwöhnten Eltern zu tun, mit der Haltung: Alles, immer, zu jeder Zeit haben und uns möglichst einverleiben zu wollen. Sie kennen das: Gegessen wird zu jeder Tageszeit und in jeder Situation. Es ist dieses dauernde Kauen, Schlucken, Süßes vertilgen, um Frust auszuhalten. Das ist klassisches Babyverhalten. Und viele Menschen bleiben in gewisser Hinsicht Nuckelkinder !Die Folge: mangelnde Frustrationstolerenz : jeder tut das, worauf er i.M. Bock hat, niemand wartet, keiner nimmt Rücksicht, alle verfolgen ihre kleinen egoistischen Ziele. Und: Viel zu selten geben Erwachsenen klare Regeln vor und beharren auf ihrer Einhaltung!

Klare Tagesstrukturen z. B. schützen und heilen ein Stück, weil sie Verläßlichkeit, Stetigkeit und damit Geborgenheit vermitteln. Also nehmen Sie als Lehrer die Regelmäßigkeit, die Pünktlichkeit, also Stundenbeginn und Ende, Hausaufgabenvergabe usw., die sowieso bereits in der Schulstruktur liegt, als „Heilmittel“ wahr. Dann verstärken sie seine Wirkung und entlasten sich gleichzeitig selbst! - Wie z. B. eine Lehrerin: Sie stellt sich immer an die eine Seite, wenn sie für Ruhe sorgen will, und an die andere, wenn sie Aufgaben verteilt. Oder: Eine griechische Kollegin erzählte: dort haben die Grundschulkinder an jedem Tag in den ersten beiden Stunden ihre Muttersprache! Wunderbar, in dem Chaos der Welt und der Familie!

Und als Letztes noch eine Beschwörung: Suchen Sie sich vertrauensvolle Supervisonsgruppen (am besten mit Kollegen aus anderen Schulen, wegen der hierarchischen und Tratschprobleme) oder leisten sich einmal im Monat allein oder zu zweit einen eigenen Supervisor, um dem Burn out-Syndrom vorzubeugen und um ihren Schulalltag besser zu bestehen. Wenn Sie Supervision nicht kennen, wissen Sie natürlich nicht, wie tief, langanhaltend und runderneuernd es wirkt. Diese Psychohygiene zahlt sich aus, auch wenn sie Geld kostet - vielleicht retten Sie Ihre Gesundheit und Ihre eigene psychische Stabilität. Und ohne die läuft in der Schule ja sowieso gar nichts.



Diese Seite wurde am 05.03.2008 aktualisiert.